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Thärichens Tentett: An Berliner Kinder

Artikel: DMCHR 71116

bildbeschreibung

Besetzung: Nicolai Thärichen p, fender rhodes Michael Schiefel voc, Sven Klammer tp, flh, Jan von Klewitz as, cl, Andreas Spannagel fl, ts, Nikolaus Leistle bs, bcl, Sören Fischer p, Kai Brückner g, Johannes Gunkel double b, Pepe Berns double b, Kai Schoenburg dr

Aufnahmedatum: 2011/12
Aufnahmeort: Greve-Studio, Berlin

Tracks:

Noch niemals war Nicolai Thärichen vorhersehbar oder gar berechenbar. Schon gar nicht, wenn es um seinen Klangkörper Thärichens Tentett geht. Mit dem fünften Album seit Gründung der Formation im Jahre 1999 pfeift er erneut genüsslich auf alle jazzpolizeilichen Anordnungen. Und treibt gar ungeheuerliche Dinge – denen er dann den Stempel „deutsches Jazzkunstlied“ aufdrückt. Deutsche Texte im Jazzgewand? Gab es vereinzelt schon. Aber die schrägen Lautgedichte des Dadaisten Hugo Ball neben boshaften Versen von Joachim Ringelnatz? Dazu Bachs „Arie der Wollust“ und ein Sonett von Shakespeare? Und doch weder Kitsch-Alarm noch Impro-Geschrammel? Wer Thärichen und seine Band kennt, weiß auch, dass das Resultat weit entfernt bleibt von akademischem „Lyrik und Jazz“. Aber was denn nun? Eine Ode an die Berliner Kinder, eine Verbeugung vor allen Zweiflern an einer ungebrochenen Ästhetik, eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, genussvolle Verätzung derselben, und am Ende die Vereinigung von alldem mit Hilfe genau der Musik, die das auch meistern kann: dem Jazz. Die Kompositionen Thärichens sind maßanzugssauber eingenäht, seine Musiker wissen aber allzu herzige Arrangements mit stürmischen Soli zu konterkarieren; und über alldem: die Stimme Michael Schiefels. Natürlich kennt man ihn als Deutschlands versiertesten und variabelsten Jazz-Sänger. Und doch gelingt es ihm erneut, sich selbst zu übertreffen. Von glockenheller Engelsstimme bis triefend höhnischer Herablassung – da erklingt ein Kosmos.

Die CD eröffnet mit einem Titel („Deutsch“), der den Zweifel voranstellt: Wenn ich Deutsch sing´ find ich´s komisch – der aber wird im weiteren Verlauf pulverisiert. Im folgenden Titelstück „An Berliner Kinder“ verflechtet Thärichen den sarkastischen Text Ringelnatz´ mit einer Komposition, die aus dem Gedicht ein Gesamtkunstwerk werden lässt. Auch in den weiteren Stücken der CD versteht es Thärichen, die Atmosphäre der Lyrik musikalisch zu verdichten, sei sie nun eher satirischer Natur („Der Schizophrene“/Hugo Ball), von einer tiefen Trauer durchsetzt („Abschied“ und „Totenklage“/Hugo Ball, „Aus“/Joachim Ringelnatz), oder mit viel Augenzwinkern angereichert („Genau besehen“ und „Ferngruß von Bett zu Bett“/Ringelnatz, „Seepferdchen und Flugfische“/Hugo Ball). Hier reiht sich eine deutsche Übersetzung von William Shakespeare´s Sonett Nr. 87 ein, einem (hoffnungslosen) Liebesgedicht. Und eine einmalige Version von Bachs Arie BWV 213, Nr. 3, in der es u.a. heißt „Schmecke die Lust Der lüsternen Brust“ (der Text wurde bei der Weiterverwendung der Arie im „Weihnachtsoratorium“ deutlich angepasst…). Eine immense Herausforderung für Schiefels Stimmorgan und für Thärichen´s Arrangierkunst! Beide meistern sie glänzend – fürwahr ein musikalisches Kleinod.

Von 1992 bis 1997 studierte Thärichen an der Hochschule der Künste Berlin. Schon in dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit Michael Schiefel. 1999 stellte er sein Tentett zusammen, bestehend aus der Crème der aufstrebenden jungen Musiker Berlins. Heute – nach unglaublichen 13 Jahren in fast unveränderter Form – sind aus den jungen Talenten etablierte und gefragte Jazzmusiker geworden, und aus Thärichens Tentett die wohl originellste kleine Bigband des Landes.

Homepage: www.thaerichen.de



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