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Tamara Lukasheva Quartett: Patchwork Of Time

Artikel: DMCHR 71166

bildbeschreibung

Besetzung: Tamara Lukasheva vocal, Sebastian Scobel piano, Jakob Kühnemann bass, Dominik Mahnig drums

Stellen Sie sich vor, Sie besuchen Odessa, die pulsierende Hafenmetropole am Schwarzen Meer, schlendern die Potemkin-Treppe hinunter, die mondänen Boulevards entlang, bis Sie schließlich in einer der morbiden Gassen landen und eine Bar entdecken. Aus der geöffneten Tür erklingt im schummrigen Licht eine Frauenstimme. Mal singt sie auf Englisch – man glaubt, einen Standard zu erkennen –, mal in ihrer ukrainischen Muttersprache, mal stößt sie seltsame Laute aus oder klingt wie ein Instrument, ohne dabei in die altbekannten Scat-Muster amerikanischer Schule zu verfallen. Interessant. Dazu die Band. Eine Formation, die eindeutig dem Jazz-Reservat entstammt, aber dort alle Grenzen verschieben will, die harmonisch erstaunlich dicht agiert, eine knisternde rhythmische Atmosphäre schafft und dennoch swingen kann wie der Teufel. Sie lauschen. Irgendwann gehen Sie hinein, setzen sich und bleiben, bis der letzte Ton verklungen ist. Der Zauber hat Sie ganz in den Bann geschlagen und wirkt noch lange danach weiter.

Möglicherweise haben Sie ja Tamara Lukasheva gehört. Zwar lebt die 27-jährige Vokalistin schon lange nicht mehr in ihrer Geburtsstadt, sondern seit 2010 in Köln. Dafür klingt das Repertoire ihrer Debüt-CD, die gleichzeitig die Jazz thing Next Generation Serie in der 61. Folge fortsetzt und die Atmosphäre der Bar in Odessa ohne Reibungsverluste in das Studio im Kölner Loft überträgt, als wäre sie nie von zuhause fortgegangen. Alles, was die quirlige Frau tut, entspringt einer Idee, die sich bei ihr schon während des Klavier- und Gesangsunterrichts im Kindesalter, beim Studium als Jugendliche und als junge Frau bei ihren Jobs als Sopranistin an ukrainischen Opernhäusern einen Weg bahnte: eine neue, bislang noch nicht erforschte Klangwelt zu betreten. Dabei spuken einem zunächst allenfalls lose Töne im Kopf herum, belanglose Fragmente eines Songs oder Arrangements, ungeordnete Puzzleteile. Um all dies ordnen zu können, musste sich Tamara Lukasheva auf das wacklige Terrain des Komponierens und Arrangierens begeben. Natürlich liebt sie den klassischen Jazz, dessen Offenheit und die interaktiven Brücken, wie beim BuJazzO Vocal Ensemble sowie in der WDR Big Band. Aber da war auch noch der starke Drang, Dinge miteinander zu verbinden, die in dieser Konsequenz eigentlich keiner in einen Topf werfen würde. So vermischt Tamara folkloristische Elemente ihrer Heimat mit der Rezeptur des Modern Jazz und der zeitgenössischen Klassik.

Wo normalerweise die Luft im Raum dünn wird, reißt sie mit verblüffendem Wagemut alle Fenster auf. Dies gelingt ihr zum einen, weil sie nichts dem Zufall überlässt, einer detailliert ausgearbeiteten Motiventwicklung folgt, die einen strengen und klug geplanten Aufbau voraussetzt und dennoch erstaunlich viele Räume für solistische Ausflüge schafft. Und zum anderen, weil die Band um Sebastian Scobel (Piano), Jakob Kühnemann (Bass) und Dominik Mahnig (Drums) – alles Freunde von der Musikhochschule Köln – aber auch die Gastmusiker Shannon Barnett (Posaune) und Liora Rips (Violine) perfekt im Sinn der Leaderin funktionieren. Bereits 2014 gewann die Formation in Osnabrück den Jungen Deutschen Jazz Preis, im März 2015 kam noch der zweite Platz beim „Keep an Eye Jazz Award“ in Amsterdam dazu. Nicht die einzigen Auszeichnungen übrigens, die Tamara Lukasheva ihr Eigen nennt: 2013 ging der Sieg beim internationalen Master-Jam-Fest in Odessa an sie, Platz eins gab es jeweils 2012 beim Finsterwalder Jazz/Pop-Wettbewerb und 2011 beim Internationalen Wettbewerb „Voicingers“ in Polen. Glänzende Kritiken gab es obendrein für „Matria“, ihre Duo-CD mit dem Trompeter Matthias Schriefl von 2015, auf der sie ihrer Philosophie des wunderbaren Nonkonformismus in jeder Note treu bleibt.

So besteht auch „Patchwork Of Time“ aus Puzzleteilen, die Titel wie „Rada“, „Berdovichko“, „Sirii Gusi“, „Ich Weiss Nicht“, „Gockl Am Hof“, „Song For Mama And Papa“, „Integration“ oder „Alone Together“ (besagter Standard) tragen. In den Händen einer Ausnahmekünstlerin wie Tamara Lukasheva fügen sie sich irgendwann auf unwiderstehlich logische Weise zu einem klaren, visionären Bild eines modernen, länderumgreifenden Jazzgedankens zusammen. Ein Patchwork dieser Zeit.

Homepage: www.tamaralukasheva.com

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